Bindungsorientierte Elternschaft (Attachment Parenting)

Attachment Parenting steht für den bindungs- und bedürfnisorientierten Umgang mit Kindern, angefangen bei den Allerkleinsten.

Geprägt wurde der Begriff schon vor zwanzig Jahren vom Kinderarzt Dr. William Sears und seiner Frau Martha. Das Ehepaar hat miteinander acht Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen und verschiedene Bücher zu den Themen Kinder und Erziehung geschrieben. „Attachment Parenting“ ist ein Stil der Erziehung und Kinderpflege, der das Beste im Baby und das Beste in den Eltern herausbringt.

Es gibt sieben Werkzeuge des Attachment: DIE BABY B’s von Dr. William Sears

1. Verbindung nach der Geburt (Birth bonding)

Die Art und Weise, wie Baby und Eltern miteinander beginnen, hilft, das anfängliche ‚attachment’ zu entfalten. Die Tage und Wochen nach der Geburt sind eine empfindliche Periode, in der Mütter und Babys einzig darauf ausgerichtet sind, einander nah zu sein. Eine enge Verbindung nach der Geburt und darüber hinaus erlaubt den natürlichen, biologischen verbindungsfördernden Verhaltensweisen des Kindes und den intuitiven, biologischen, beschützenden Qualitäten der Mutter, zusammen zu kommen. Beide Mitglieder dieses biologischen Paares erhalten diesen richtigen Start zu einer Zeit, in der das Kind am bedürftigsten ist und die Mutter am ehesten geneigt, es zu pflegen.“Was, wenn etwas das sofortige Bonding verhindert?”Manchmal trennen medizinische Komplikationen Sie und Ihr Baby für eine Weile, aber dann beginnt das darauffolgende Bonding so bald als möglich. Als das Konzept des Bonding vor 20 Jahren erstmals in der Erziehungswelt auftauchte, brachten einige Leute dies total aus dem Gleichgewicht. Das Konzept des menschlichen Bonding als eine “kritische Zeit” oder “jetzt-oder-nie” war niemals beabsichtigt. Bonding bei der Geburt ist nicht wie Sofortkleber, der die Mutter-Kind-Beziehung für immer zusammenzementiert. Bonding ist eine Serie von Schritten in Ihrem lebenslangen Zusammenwachsen mit Ihrem Kind. Sofortiges Bonding gibt der Eltern-Kind-Beziehung einen Vorsprung.

2. Stillen (Breastfeeding)

Stillen ist eine Übung im Baby-Lesen. Stillen hilft Ihnen, die Signale Ihres Babys zu lesen, seine Körpersprache, die der erste Schritt dazu ist, das Baby zu kennen. Stillen verschafft Baby und Mutter einen guten Start ins Leben. Muttermilch enthält einzigartige, gehirnentwickelnde Bestandteile, die nicht nachgemacht oder gekauft werden können. Stillen fördert die richtige Chemie zwischen Mutter und Kind durch die Stimulation der Prolaktin- und Oxytocinproduktion, Hormone, die Ihre Muttergefühlen ankurbeln.

3. Tragen (Babywearing)

Ein Baby lernt viel in den Armen eines beschäftigten Betreuers. Getragene Babys sind weniger unruhig und verbringen mehr Zeit im Zustand ruhiger Wachsamkeit, dem Verhaltenszustand, in dem Babys das meiste über ihre Umwelt lernen. Tragen fördert die Sensibilität der Eltern. Weil Ihr Baby so nah bei Ihnen ist, lernen Sie das Baby besser kennen. Nähe fördert Vertrautheit.

4. Familienbett (Bedding close to baby)

Wo auch immer alle Familienmitglieder den besten Nachtschlaf bekommen, ist die richtige Regelung für Ihre individuelle Familie. Das Familienbett fügt einen Nacht-Körperkontakt-Bonus hinzu, der tagsüber beschäftigten Eltern hilft, sich nachts wieder mit ihrem Kind zu verbinden. Da die Nacht eine Zeit der Angst für kleine Menschen ist, minimiert das enge Beieinanderschlafen nächtliche Trennungsängste und hilft dem Baby zu lernen, dass der Schlaf ein Zustand ist, in den man schön hineingleitet und angstlos drin verharrt.

5. Glaube an den Sprachwert von Ihres Babys Schrei (Belief in the language value of your baby’s cry)

Der Schrei eines Babys ist ein Signal, das dafür geschaffen wurde, das Überleben des Babys zu sichern und die Entwicklung der Eltern zu fördern. Sensibel auf den Schrei Ihres Babys zu reagieren, bildet Vertrauen. Babys vertrauen darauf, dass ihre Betreuer auf ihre Bedürfnisse reagieren. Eltern lernen schrittweise, ihrer Fähigkeit, die Bedürfnisse des Babys zu erfüllen, zu vertrauen. Dies erhöht das Eltern-Kind-Kommunikation-Level um eine Klasse. Kleine Babys weinen um zu kommunizieren, nicht zu manipulieren.

6. Hüten Sie sich vor ‚Baby-Trainern’ (Beware of baby trainers)

Das ‚Attachment Parenting‘ lehrt Sie, Ratschlägen gegenüber kritisch zu sein, vor allem solchen aus unnachgiebigen und extremen Erziehungsstilen gegenüber, die Ihnen beibringen, eine Uhr oder einen Zeitplan zu beachten anstelle Ihres Babys; Sie wissen schon, die schreiende Masse. Diese “Bequemlichkeits-Eltern” gewinnen auf kurze Sicht gesehen, auf lange Sicht gesehen jedoch verlieren sie, und es ist somit kein geschicktes Investment. Diese eher eingeschränkten Erziehungsstile schaffen eine Distanz zwischen Ihnen und Ihrem Baby und halten Sie davon ab, ein Experte für Ihr Baby zu werden.

7. Ausgeglichenheit (Balance)

In Ihrem Eifer, Ihrem Baby so viel zu geben, kann es leicht passieren, dass Sie Ihre eigenen Bedürfnisse und die Ihres Partners vernachlässigen. Sie werden lernen, dass das Finden des Schlüssels für die Ausgeglichenheit in Ihrem Elternsein das angemessene Reagieren auf Ihr Baby ist – das Wissen, wann man ‘ja’ und wann ‘nein’ sagen und die Weisheit, zu sich selbst ‚ja’ zu sagen, wenn Sie Hilfe brauchen.

Bereits die Sears´machen deutlich, dass sich ein bindungsorientierter Umgang mit Kindern und eine Berufstätigkeit der Eltern nicht ausschließen. Auch sind sie der Ansicht, dass hierbei Mutter und Vater gleichermaßen involviert sind und räumen mit Vorurteilen auf. Es wird aber auch deutlich, dass es sich hierbei um eine Grundhaltung dem Kind bzw. dem Menschen gegenüber handelt, auch jenseits der Babyzeit.

Beim Attachment Parenting geht es um das Miteinander, um Akzeptanz und Kommunikation- hin zur Intuition, zum Beobachten des Kindes und dem Umgang miteinander. Weg von dem Bild des Kindes als kleinem Tyrannen, der seine Eltern manipulieren will, wenn man ihm nicht möglichst von Geburt an Einhalt gebietet und ihn in seine Schranken weist. Weg vom Schreckgespenst des Verwöhnens, das seit Anfang des 20. Jahrhunderts gerade in Deutschland die Ängste junger Eltern oder deren wohlmeinender Ratgeber bestimmt. Somit wird klar, dass dieser Umgang mit Kindern auch nichts mit Laissez faire oder antiautoritärer Erziehung zu tun hat.

Attachment Parenting geht davon aus, dass ein Kind mit einer sicheren Bindung, das als Baby, Kleinkind und weiterhin Nähe und Unterstützung erfahren hat, Urvertrauen fassen konnte und die Sicherheit hat, dass seine Eltern und Bezugspersonen für es da sind und versuchen zu verstehen, was es ihnen sagen will, auch wenn es noch keine Worte hat. Dass dieses Kind meist durch sein Vorbild und durch das Ruhen in seinem Vertrauen eher zu einem verständigen, selbstbewussten Menschen heranwachsen und sich loslösen kann, da seine Bedürfnisse gestillt wurden.